Endlich - In die Tonne mit dem Chaos Report der Standish Group

Endlich - In die Tonne mit dem Chaos Report der Standish Group

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IT- Projekte scheitern im Normalfall. Es existiert eine Software Krise, da wir nicht wissen, wie IT-Projekte zu realisieren sind. Dies wird eindrücklich durch die seit 1994 von der Standish Group veröffentlichten Chaos Reports belegt. Diese Zahlen werden ohne Unterlass in vielen Verkaufspräsentationen, an vielen Konferenzen und sogar in Software Engineering Vorlesungen herumgereicht. Da werden Zahlen, wie beispielsweise ein Scheitern von 70% aller IT-Projekte oder eine durchschnittliche Kostenüberschreitung von 189% oder eine Projektabruchrate von 30% genannt. Diese Zahlen wurden uns seit Jahren um die Ohren geschlagen und wir sind reumütig in uns gekehrt und haben nach vorbeugenden Massnahmen gesucht.

Berechtigte Zweifel

Bereits im Jahr 2005 hat der renommierte Herausgeber der Journal of Systems and Software Robert L. Glass die Zahlen des Standish Chaos Reports angezweifelt. In seinem Artikel "IT Failure Rates - 70% or 10-15%" kritisiert er die Zahlen der Standish Group und stellt dem gegenüber die praktische Erfahrung der Branchengrössen. Und er fordert die Standish Group auf, die Grundlage der Zahlen zu veröffentlichen. Die Antwort der Standish Group ist wahrlich unglaublich. "Nur weil jemand eine Frage stellt, bedeutet das nicht, dass wir antworten. Tatsächlich antworten wir eher nicht". Naja, was soll man da sagen? Details sind im Blog von Jorge Aranda (University of Toronto) zu finden. Das Fatale an den zweifelhaften Zahlen ist ja nicht, dass sie unseriös sind und das ein Zitieren dieser Zahlen oder das Präsentieren der entsprechend Grafiken einfach von mangelnder Kenntnis der Sachlache zeugt. Nein das Fatale daran ist, dass mit unsinnigen vorbeugenden Massnahmen, die nicht zu erfüllende Erwartungen wecken, Projektgelder verschleudert werden. Projektgelder, die anserswo sehr viel sinnvoller eingesetzt werden könnten. Zum Beispiel für die Entwicklung oder für das Testing.

Glücklicherweise gibt es seriöse Leute, die genau untersuchen aus welchen Gründen Projekte scheitern oder abgebrochen werden. Und dass sind auch Zahlen, die als Handlungsgrundlage genommen werden können. So haben beispielsweise K.E. Eman und A.G. Koru (Universität Ottawa und Maryland) erst vor kurzem in der Septemer/Oktober Ausgabe des IEEE Software Magazins den Artikel "A Replicated Survey of IT Software Project Failures" veröffentlicht. Darin kommen sie beispielsweise auf eine IT-Projekt Abbruchrate von 11.5-15.5%. Ihre Zahlen sind sorgfältig recherchiert und belegt. Und bilden damit eine wesentlich bessere Grundlage, um IT-Projekte so zu steuern, dass ein Erfolg wahrscheinlicher ist.

Weg mit dem Chaos Report

Die Zahlen des Chaos Reports werden von der Software Gemeinde zunehmend bezweifelt. Seriösere Untersuchungen zeigen starke Abweichungen vom Chaos. IT-Projekte sind damit noch nicht besser als andere Projekte. Aber es scheint wahrscheinlich zu sein, dass die Erfolgsraten sich nicht von denjenigen anderer Projekte unterscheiden. Es ist und bleibt nach wie vor Richtig in IT-Projekten auf die sorgfältige Durchführung zu achten und den richtigen Mix zwischen vorbeugenden Massnahmen und speditiver Durchführung zu finden. Bestimmte Massnahmen müssen gegenüber den Projektsponsoren gerechtfertigt werden. Den Chaos Report als Grundlage für eine solche Rechtfertigung zu nutzen ist kontraproduktiv und unseriös. Hören wir also auf damit. Es gibt bessere und belegte Zahlen. 

 

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  • Hi Daniel, wahre Worte! Ich schreibe momentan über agile Vorgehensweisen und stolperer dabei immer wieder über den Chaos-Report - deine Zweifel sind auch meiner Meinung nach berechtigt. VG, Matthias

  • Es gibt zu denken, wenn die Zahlen eines Reports in Zweifel gezogen werden, aber die eigenen Referenzen / Links ad hoc ins Leere laufen ...

  • leider ist ja noch immer so, dass viele sogenannte Software-Ingenieure nur "Programmierer" sind. Ihre Projektsicht beginnt bei den ersten LOC`s und endet beim schnellen Test. Mit etwas Glück erwischt man einen, dessen PM-Denkspanne wenigstens von der Analyse bis zum Systemtest reicht.

    PM ist mehr!

    Diesen "Programmierern" kommen XP, Scrum & Co sehr gelegen ... wieder wird sich mit den Methoden nicht wirklich beschäftigt. Sie werden für "saumäßiges Drauflosarbeiten" missbraucht und so schädigen diese "Spezialisten" diese guten Ansätze.

    Standish Chaos hat recht, auch wenn es Viele nicht wahrhaben wollen!

  • Hi Daniel,

    seit ich den Chaos Report m.W. 1996 erstmals in einem Vortrag in Deutschland zitierte höre ich immer wieder ähnliche Kritik wie Deine oben stehende. Ich muss dazu - ohne der standish group in irgendeiner Weis verbunden zu sein folgendes wenigstens sagen:

    1. Trotz umfangreicher Bemühungen habe ich keinen einzigen Wissenschaftler in Europa gefunden, der bereit gewesen wäre, für Europa eine Studie in ähnlichem Umfang, wie die standish group sie (angeblich weltweit) jährlich durchführt auch nur in Erwägung zu ziehen.

    2. Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie in Zweifel zu ziehen ohne deren Methoden fundamental anzugreifen und zu belegen dass, wieso und in welchem Außnaß diese zu falschen Ergebnissen führen, ist schlicht unwissenschaftlich und damit unterhalb des Niveaus der Studie selbst.

    3. Bis endlich jemand kommt und eine wissenschaftliche Untersuchung durchführt, welche mindestens den Umfang und die Tiefe der Untersuchungen der standish group hat und vor allem deren Ergebnisse widerlegt, sind die Zahlen der standish group das einzige Maß das wir haben. (Punkt) Erfahrungswerte einzelner dürften da eher noch weniger aussagekräftig sein, als der Chaos Report.

    Herzliche Grüße

    Michael

  • Das Oldenburger Forschungs- und Entwicklungsinstitut für Informatik hat sich seinerzeit (2006) sehr kritisch und fundiert u.a. mit dem Standish-Report auseinandergesetzt und eine eigene Umfrage zum Projekterfolg gemacht (allerdings nur in D, n=143 Entwickler/Projektleiter).

    Auszug (aus der Offis-Studie):

    "Mehr als ein Drittel (36,4 %) der Projekte konnte nach Auskunft der Befragten erfolgreich abgeschlossen werden. Das heißt, dass sowohl das Budget als auch die Zeitvorgabe eingehalten wurden. Die vereinbarten Anforderungen wurden zu 100 % erfüllt.

    Mit Veränderungen wurde über die Hälfte der Projekte (57,3 %) abgeschlossen. Diese überschritten entweder das Budget oder/und den Projektendtermin bzw. die vereinbarten Funktionen wurden nicht zu 100 % erfüllt. 6,3 % der Projekte wurden gänzlich abgebrochen; der Auftraggeber erhielt keine Hard- oder Software zur Verfügung gestellt."

    Die Studie gab's mal online, jetzt habe ich sie auf die Schnelle nicht mehr gefunden.

    Gruß, Matthias

    www.offis.de/.../success-erfolgs-und-misserfolgsfaktoren-bei-der-durchfuehrung-von-hard-und-software-entwicklungsprojekten-in-deutschland.html[sword]=buscherm%C3%B6hle&user_offis_pi1[enableor]=1&cHash=dedbf2194e0097f92a9d8ee90ad6b8ff

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